2.3.2 Die imaginäre
Bibliothek
Die imaginäre Bibliothek stellt ein Beipiel für den künstlerischen
Umgang mit
Literatur im Netz dar. Ursprünglich handelte es sich um eine Installation,
die
1990 auf der ARS ELEKTRONICA in Linz dem Publikum präsentiert wurde.42
Die Onlineversion wurde 1994 durch Konvertierung dieses
Ausstellungsobjektes in HTML-Format43
möglich gemacht. Obwohl im Titel
von einer Bibliothek gesprochen wird, ist diese Bezeichnung nicht zutreffend.
Es finden sich hier keine Bücher und keine Kataloge, sondern man "liest"
die
Bibliothek selbst. Es wird in der Beschreibung der virtuellen Bibliothek
außerdem von einer "virtuellen LeseMaschine" gesprochen. Text und
Bilder
wurden hier miteinander verbunden, sodaß zwischen beiden eine gewisse
Einheit entstehen kann. Die Informationen die in den Bildern enthalten
sind,
sind der Textinformation nicht untergeordnet. Das erscheint zunächst
ungewöhnlich, doch wenn man sich darauf einläßt, bekommt
man nach und
nach ein Gespür für diese neue Art des Umgangs mit Bildinformation.
Innerhalb der imaginären Bibliothek gibt es keine Linearität.
Die Struktur und
Reihenfolge entsteht erst durch den Nutzer. Bei der ersten Präsentation
wurden
diese Ergebnisse der Verknüpfungen der einzelnen Elemente durch die
Besucher der ARS ELECTRONICA durch Ausdrucke dokumentiert. Dieses
Verfahren verdeutlicht, daß der Leser ist in diesem Fall ein aktiver
Teil der
Buchproduktion ist.
Ein besonderes Merkmal dieses Projektes ist, daß bewußt die
Frage nach den
Möglichkeiten solcher Literatur gestellt wurde. Nicht nur der Inhalt
war der
Mittelpunkt der Bemühungen, wie es beim Autor eines Romans, der online
veröffentlicht werden soll der Fall ist, sondern grundsätzliche
Überlegungen,
die auch die Art der Rezeption und technischen Notwendigkeiten
eingeschlossen haben: "Solche neuen Formen der Wissensverarbeitung müssen
im Mikro-Bereich durch die Entwicklung assoziativer Textgenerierungs und
Lesemodelle vorbereitet werden. Mehrdimensionalität von Informationen,
mehrere Pfade, denen man folgen kann, die Möglichkeit, spontanen Einfällen
zu folgen oder diese aufzeichnen zu können, gehören genauso dazu
wie
Retrieval- und Browsingmechanismen, die allerdings mit den inhaltlichen
stilistischen Dimensionen der Texte in Einklang gebracht werden müssen."44
Dieses Bewußtsein für die Neuartigkeit solcher Literatur schlägt
sich positiv in
dem Ergebnis nieder. Als Nutzer hat man nicht das Gefühl sich in einem
unübersichtlichen Informationsangebot zu verirren, sondern es entsteht
vielmehr das Bewußtsein, gestaltend in den Inhalt der Geschichte
eingreifen zu
können. Durch die zahlreichen Textebenen und Links45
ist sogar ein
mehrmaliges Nutzen reizvoll, da sich durch neue Verknüpfungen eine
neue
Geschichte entwickeln kann.