2.3.1 Der erste Internet Literaturwettbewerb 
Im Jahr 1996 hat die Wochenzeitung „Die ZEIT“ in Zusammenarbeit mit IBM
den "ersten Internet Literaturwettbewerb" ausgeschrieben. Eine Jury bestimmte
aus den zahlreichen Einsendungen fünf Preisträger38. Die Arbeiten der
Preisträger sind auf der Internetseite der ZEIT publiziert. Außerdem gibt es ein
Archiv des Literaturwettbewerbs, wo man die rund 200 weiteren eingereichten
Werke, die nicht ausgezeichnet wurden, finden kann.39 

Diese Fülle neuer Literatur(-formen) spiegelt sehr gut die Heterogenität dieses
neuen Genres wider. Schon innerhalb der Preisträger gibt es große
Unterschiede in der Art, wie die Autoren die Möglichkeiten dieser Form des
Publizierens ausnutzen bzw. nicht ausnutzen. Die mit dem ersten Preis
ausgezeichnetet Autorin wählte eine noch sehr traditionelle Form. Ihr Text ist
durchaus noch linear lesbar. Bei einigen Wörtern hat man jedoch auch die
Möglichkeit auf eine andere Ebene zu gelangen. Diese Wörter sind mit
Hyperlinks ausgestattet. Als Illustration wurde in diesem Fall auf Aufwendiges
verzichtet. Die eingebauten Bilder sind nur mittels der Tastatur erstellt
worden.40 Ganz anders stellt sich da das Werk von Sven Stillich dar, welches
mit einem Sonderpreis ausgezeichnet wurde. Hier steht nicht der Text im
Mittelpunkt, sondern das Experiment mit der neuen Darstellungsform. Der
Leser bewegt sich mit Hilfe der Hyperlinks durch das Werk. Eine
Orientierungshilfe, wie ein Inhaltsverzeichnis, gibt es dabei nicht. Diese
Tatsache wirkt sich in diesem Fall nicht negativ auf das Leseerlebnis aus, da
eine Linearität überhaupt nicht angestrebt wird. Der Nutzer erlebt und
praktiziert hier eine neue Art der Rezeption, die ungewohnt ist. Der
spielerische Umgang ermöglicht es ihm diese auf unterhaltsame Art und Weise
kennenzulernen.

Das Archiv des Internet Literaturwettbewerbs bietet eine Fülle neuer Formen
von Literatur. Es spiegelt die Möglichkeiten, die in Zukunft sicher noch größer
werden, anhand einiger Beispiele wider. Der experimentelle und künstlerische
Umgang mit den technischen Möglichkeiten ist dabei entscheidend. In welcher
Form diese Ergebnisse in Zukunft auch bei kommerziellen Anwendungen
umgesetzt werden und wie sich dadurch auch unser Begriff von Rezeption und
Lesen41 ändern muß, ist heute noch nicht absehbar.