2.2.1 Projekt Gutenberg
(USA)
Die Geschichte dieses ältesten Literaturprojektes im Internet beginnt
bereits
1971, als die amerikanische Unabhängigkeitserklärung als Textdatei
zur
Verfügung gestellt wurde. Seitdem hat sich in der Arbeit des Projektes
nicht
viel verändert. Noch immer beschränkt man sich bewußt auf
reine Texte.
Jedem, der einen Computer, einen Telefonanschluß und ein Modem hat
soll
hier kostenloser Zugriff auf die Weltliteratur gegeben werden. Außerdem
ist
man, wenn die Texte in reinem ASCII-Code, ohne aufwendige
Auszeichnungen eingegeben werden, unabhängig von technischen
Veränderungen bei Hard- und Software. Das Angebot beschränkt
sich aus
urheberrechtlichen Gründen19
jedoch ausnahmslos auf gemeinfreie Texte.
Mitbegründer und Visionär des Projektes Gutenberg ist Michael
Hart. Er sieht
sich in der Tradition Gutenbergs, dessen Erfindung Bücher zum ersten
Mal für
die Massen verfügbar machte. Er verfolgt einen der Träume der
Menschheit,
nämlich den der universellen Bibliothek.20
Der Name "Gutenberg" ist dabei
eher unzutreffend - in Anbetracht der Tatsache, daß die Texte auch
heute noch
größtenteils über die Tastatur erfaßt, also abgeschrieben
werden, wäre der
Name "Projekt mittelalterlicher Mönch" eher zutreffend.21
Die Arbeit mit
Programmen zu Texterkennung22
würde bei den immer noch hohen
Fehlerzahlen einen solchen Arbeitsaufwand bedeuten, daß das Neufassen
immer noch die einfachste Möglichkeit ist. Erklärtes Ziel des
Projektes ist es bis
ins Jahr 2001, zum 30. Jahrestag der Gründung, 10.000 der meistgelesenen
englischsprachigen Titel (wobei auch Übersetzungen ins Englische
aufgenommen werden) in digitaler Form verfügbar gemacht zu haben.
Bisher
hat man rund 1.000 Titel erfaßt.23
Da für den Zugang zu den Texten über das Netz keine Kosten erhoben
werden,
stellt sich die Frage nach der Finanzierung. Rund hundert Arbeitsstunden
kostet es, bis Auswahl, Prüfung des Urheberrechts, Eingabe und Korrektur
abgeschlossen sind und ein Text online verfügbar gemacht werden kann.
Neben den Arbeitsstunden entstehen auch Kosten für die Hard- und Software,
die für eine solche Aufgabe notwendig sind. Bei letzterem kann man
immer
wieder auf Spenden aus der Industrie zurückgreifen. Die Arbeitsstunden
werden von vielen freiwilligen Helfern unentgeldlich erbracht. Nur Michael
Hart hat ein regelmäßiges Einkommen - als ‘außerordentlicher
Professor für
elektronische Texte’. Weitere Einnahmen entstehen durch den Verkauf einer
CD-ROM, auf der mehr als 500 Titel des Projektes enthalten sind.24
Die im Projekt eingestellten Texte sind zwar digital, die Nutzung erfolgt
aber
auf traditionellem Wege. Es besteht für die Nutzer keine andere Möglichkeit
als sie "nur" zu lesen. Ob dies am Bildschirm geschieht oder über
einen
Ausdruck, steht ihm dabei frei. Ein Zusatznutzen durch die elektronische
Form
entsteht nicht. Lediglich der kostenlose Zugang25
und die Fülle der
angebotenen Texte stellt einen gewissen Vorteil dar. Interessant scheint
diese
Art der Publikation für schwer zugängliche Texte, die beispielsweise
im
Buchhandel nicht mehr erhältlich und nur in wenigen Exemplaren in
einer
Bibliothek vorhanden sind. Schwierig ist es, wenn man aus diesen Texten
zitieren wollte. Denn es besteht keine Editierung des Textes z.B. nach
Zeilen
oder Seiten.